icon
Avatar
Hartmut Meyer (Hartmut_Meyer)
VSO-Administrator
Von: Hohenstein-Ernstthal, Deutschland
Beiträge: 96
Weil ich mich mal wieder darüber geärgert hatte, wie „wir“ im angeblich zivilisierten Mitteleuropa/Deutschland mit unseren Zugvögeln/Wintergäste (Gänsen) umgehen, habe ich wohl mit meinen kleinen Eintrag vom 17.11.2009 zu den Gänsen auf Feldern diese Diskussion angeregt. Daher möchte ich hier einfach auch noch mal meinen Senf dazu geben.

Zu: Gänse/Vogelzug und Agrarpolitik
Die heutige Landwirtschaftspolitk der Europäischen Union - mit all ihren Folgen für Natur- und Umwelt - dürfte meiner Meinung nach irgendwann in 50, 70 oder 100 Jahren als größtes Panoptikum in die Geschichte Europas eingehen (auch wenn es dann bereits für viele Arten zu spät sein dürfte). Je nach dem, wer am lautesten schreit und wer die meisten Lobbyisten in Brüssel bezahlt, an den (und die anderen) werden Milliarden Subventionen ausgereicht um das zu produzieren, was der Markt in Europa gar nicht oder nicht in dieser Menge benötigt (Getreide, Milch usw.). Mit der Folge, das die Bauern längst nicht mehr nur das anbauen, was zur Ernährung notwendig ist, sondern wohl viel eher das erzeugen, wofür sie die besten Abnahmepreise und die höchsten Subventionen erhalten. Wem interessiert es, das Getreide zur Energieerzeugung verbrannt wird, Milch auf Felder geschüttet wird? Wem interessiert es, dass die tierquälerische Massentierhaltung immer neue Krankheiten erzeugt? Schuldige, zum an den Pranger stellen – vorgestern Rinder, gestern Vögel und heute Schweine – werden sich doch wohl jederzeit finden lassen! Wem interessiert es, wie viele Tonnen an neuartigen Breitbandherbiziden im Laufe eines Jahres auf den Feldern versprüht werden, um jedes andere Leben neben Ähre und Rapshalm auszulöschen? Wer kennt die Folgen dieser angeblich biologisch abbaubaren Mittel?

Wohin diese Politik führt, können wir in unserer ausgeräumten und „verbrannten“ Landschaft sehen. Jeder „Konkurrent“ wird ausgeschaltet. Nachdem wir es in den vergangenen 50 Jahres erfolgreich geschafft haben, Singvögel schon so weit zu dezimieren und die Individuendichte so auszudünnen, dass deren Vogelzug heute kaum noch sichtbar vonstatten geht, wird dieser widersinnigen Politik der letzte große Vogelzug, eines der letzten großen Naturschauspiele in Europa, der Zug der Gänse (anderer Großvögel), geopfert. Auch wenn die Wissenschaft bereits hinlänglich nachgewiesen hat, dass sich nach diversen (antropogen verursacht?) Verhaltensänderungen immer mehr seltenste Arten in den Zug- und Rasttrupps von Saat- und Blessgänsen einfinden, für die anderswo in Europa und zu anderer Jahreszeit Unsummen an Fördermitteln zum Schutz der letzten Brutpaare der Art (Zwerggans!) ausgegeben werden, dürfen die auf dem Zug geschossen und fast überall verfolgt werden. Das dazu gehörige Gesetz in Deutschland geht, wenn ich richtig informiert bin, in seinen Grundzügen und in seiner Grundterminologie noch immer auf das Reichsjagdgesetz von 1934 aus der Feder von Nazi-Verbrecher Göring zurück!

Mir fällt dazu nichts mehr ein. Das ist alles so widersinnig, da treibt es einem den Zorn ins Gesicht, wenn man das Verhalten der Jäger und Bauern sieht und erleben muss. Auch wenn ich hier vielleicht etwas zuspitze, kann ich mich nur denen anschließen, die das heftig kritisieren! Auch wenn wir vermeintlich „nichts machen können“, müssen wir immer und immer wieder die Finger in diese Wunde legen! Ich habe beruflich ab und an die Gelegenheit, mit lokalen Politikern zu sprechen. Im Rahmen seiner Wahlkampf-Tour hatte mich Holger Zastrow, sächsischer FDP-Landeschef, im Büro besucht. Mit Herrn Zastrow habe ich über Natur- und Artenschutz und die Rolle Sachsens dabei gesprochen, Das war, das hat er zugegeben, für ihn völliges Neuland. Aber er war ehrlich interessiert und hat auch zukünftig Gesprächbereitschaft signalisiert. Jetzt trägt die FDP Regierungsverantwortung in Sachsen und ich werde Herrn Zastrow noch in diesem Jahr schreiben, denn „ …steter Tropfen höhlt den Stein“!

Übriges, treffend genau zu dieser Thematik hat Andreas Winkler, NABU-Regionalverband Erzgebirgsvorland, einen Film unter dem Titel „Oasen in der Agrarlandschaft“ produziert. Ein schockierendes und ehrliches Zeugnis der Vorgänge in unserer Agrarlandschaft! Dieser Film müsste Agrarpolitkern zur Pflichtansicht gebracht werden! Wir werden im Rahmen unserer VSO-Regionaltreffen Chemnitz im Januar 2010 in Pleißa/Limbach-Oberfrohna diesen Film auch mal zeigen. Der passt zu einer Präsentation über das „Bodenbrüterprojekt des Freistaates“ wie die Faust aufs Auge. Ich kann jeden nur einladen, zu kommen.

Zu: Meldungen von Seltenheiten … und dem bevorstehenden Einsatz von ornitho.ch in Deutschland
Ich kann nur heftig zustimmen, das hier (und anderswo) und außerhalb der Brutzeit insbesondere eben bemerkenswerte Gäste/Durchzügler in Sachsen unbedingt und rasch/zeitnah anderen mitgeteilt werden sollten. Es tut doch niemanden weh, wenn weitere Ornis herbeieilen und sich an diese Vögelchen auf irgendeinem Gewässer auch erfreuen! Das fördert die Kommunikation und das Kennen untereinander und schafft im besten Falle Sicherheiten auch bei der Bestimmung schwieriger Arten usw. Viele wichtige Daten über das Auftreten seltener Vogelarten (da werden im Moment ganze Bücher darüber geschrieben) sind auf diese Art und Weise zustande gekommen! Außerdem darf Vogelkunde an Rande aller ernsthaften Kartierungen und Datensammlungen für die Wissenschaft und den Vogelschutz auch mal Spaß machen und das Beobachten von Seltenheiten gehört da einfach dazu. Es fällt mir auch recht schwer zu verstehen, warum heute von manchen (Älteren?) unter uns das „twitchen“ so abgelehnt und negativ dargestellt wird.

Allerdings sollte man auch niemanden kritisieren, wenn er eben nicht meldet. Dann wird das Gründe haben, die zu respektieren sind. Wir sind alle “freiwillig“ hier!

Andererseits werden die Moderatoren bzw. die Webmaster dieses Forums auch in der Zukunft keine detaillierten Einträge über Brutplätze seltener und von Aussterben bedrohter Vogelarten zulassen. Das gehört einfach nicht hier her. Allerdings sollten Meldungen, die auf solche Ereignisse in einem größeren geografischen Raum hinweisen, aber möglich sein. Ich würde daher gern hier lesen wollen, dass (erfunden!) … 2010 zwei Reviere der Zwergohreule im Landkreis Zwickau mit einer erfolgreichen Brut, zwei Jungvögel ausgeflogen … festgestellt wurden. Solche Daten brauchen wir, die privaten Verbände im Vogelschutz unbedingt. Denn auch hier stellt sich der Staat als schlechter Verwalter dar. Zwar gibt es immer wieder positive Ansätze im staatlichen Naturschutz, aber insgesamt richtet auch der Freistaat Sachsen seine Befindlichkeiten nach politischen Erwägungen und Lobbyismus aus. Auf verschieden negative Beispiele, die wohl jeder kennt, möchte ich hier gar nicht eingehen.

Aber ein positives Beispiel offenen Umgangs mit sensiblen Daten will ich sehr wohl erwähnen: Wenn Jens Halbauer (und/mit Freunden) seine intensiven Beobachtungen und Fotodokumentationen der Zwergdommel und die Brutnachweise der Rohrdommel am Sammelbecken Helmsdorf geheim gehalten hätte (was er hätte machen dürfen!) und die Daten nur an den Freistaat gegangen wären, wenn er/sie dies nicht publiziert hätte, dann hätten wir im Rahmen unserer Verbands-Einwände gegen die Weg-Sanierung der Uranbergbau-Altlast Sammelbecken Helmsdorf (neben juristischen Formfehlern) überhaupt gar keine oder deutliche weniger Fakten vorlegen können! Bei aller Bescheidenheit konnte dadurch wenigstens ein deutlicher Aufschub erreicht werden, der das Gebiet möglicherweise noch viele Jahre oder im besten Falle sogar vollständig erhält. Der Freistaat Sachsen hingegen hat dem Vogelschutz erneut seine Hilfe verweigert, die zuständige Landesbehörde hat es abgelehnt, dieses in Westsachen einmalige Refugium in die SPA-Kulisse aufzunehmen! Die Gründe, so darf spekuliert werden, haben nichts mit den seltenen Vögeln zu tun, sie dürften ganz klar politisch motiviert sein. Es gibt weitere Beispiele überall.

Daher kann ich für den VSO nur alle Ornithologen in Sachsen aufrufen, uns und dem NABU als die Herausgeber der jährlicher Berichte „Ornithologische Beobachtungen … in Sachsen“ über die üblichen und bekannten Meldewegen ganz intensiv auch mit Brutangaben zu den so genannten selten und bedrohten Vogelarten zu versorgen, so wie das in anderen Bundesländern völlig normal ist. Diese Daten werden zeitnah gebraucht, um z.B. auch so wie im Falle SB Helmsdorf reagieren zu können! Außerdem braucht der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA), der jährlich den Situationsbericht „Vögel in Deutschland“ (2009 werden wir bestimmt um Weihnachten herum wieder an alle VSO-Mitglieder kostenfrei versenden) herausgibt, diese Daten für das „Monitoring seltener Arten“.

Vermutlich im kommenden Frühjahr wird die deutsche Version von www.ornitho.ch an den Start gehen. Auch hier bei uns! Unser Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) hat anlässlich seiner Jahresersammlung Ende Oktober 2009 in Fulda mit den Stimmen der Mitgliedsverbände beschlossen, eine richtig dicke fünfstellige Summe in die Hand zu nehmen und die Lizenz für die Einführung dieser genialen Datenbank in Deutschland zu kaufen. Als VSO haben wir dieser Entscheidung mit unseren vier Stimmen im DDA wirklich freudig zugestimmt!

Ornitho.ch ist eine geniale Erfindung, die zuerst im Kanton Genf in der Schweiz zum Einsatz kam. Und das mit so großem Erfolg, so dass die Schweizerische Vogelwarte Sempach (bekanntlich eine private Stiftung!) das Portal für das ganze Land übernommen hat. Die Datenlage für die Schweiz habe sich binnen kürzester Zeit x-fach verbessert und außerdem habe man so viele neue Mitarbeiter gefunden. Mittlerweile läuft die Sammlung avifaunistischer Daten in verschiedenen europäischen Ländern über diese Datenbank. Ornitho.ch bietet trotz landesweiter Verwendung jede lokale Anbindungsmöglichkeit und viele interne Auswertemöglichkeiten für den Benutzer ebenso wie für die Anwender der Daten. Nach allem, was wir im Moment darüber wissen, können wir uns auf den Einsatz, der dann hier auf www.vso-web.de kommen wird, nur freuen!! Schauen Sie sich doch schon mal die Möglichkeiten von www.ornitho.ch an!

Ich bitte um Nachsicht für den langen Text …
22.11.2009 09:33
Avatar
MichaLeipzig
Beiträge: 270
Meine Meinung zu den Beiträgen "Twicher"Weitergabe von Meldungen

Mich persönlich stört bei einem der Diskussions- Beiträge zum Beispiel wer denn nun“ Festlegen „ soll wer für Gänsebeobachtung geeignet sei?dies darf?
Der dies schreibt ist doch auch nur von erfahrenen (vor noch gar nicht so langer Zeit )Gänsebeobachtern mitgenommen worden! Hat er bloß Glück gehabt und warum wird das anderen abgesprochen? Es geht doch schon lange nicht mehr um das Beste Bild und wegen einer besseren Gans lockt man nun wahrlich keinen Fern- “Twitcher“ mehr nach SA/THR.

2. und welchem Argument ich auch nicht folgen kann ist Zitat“ bleibende Ruhe … im eigenen Beobachtungsgebiet „??? Aus welcher Zeit ist dieses Argument denn rübergerettet worden?
Aber wie schon geschrieben, keiner kann und soll gezwungen werden, jeder muss mit diesen, jetzigen, Zustand klar kommen. Ich persönlich glaube nicht dass sich, leider, irgend etwas ändern wird.

Gruß M.S.
22.11.2009 18:47
Avatar
juttahagemann
Beiträge: 57
Zu Gänse/ Vogelzug und Agrarpolitik

Hartmut, Deine Meinung kann ich voll unterstützen. In diesem Jahr sind in meinen Beobachtungsgebieten wieder etliche kleine Ackerraine an Feldwegen verschwunden. Die Feldflur wird immer mehr ausgeräumt und mit Chemie vollgestopft. Die Folgen sehen wir alle: Keine Wildkräuter - keine Schmetterlinge und andere Insekten - keine Vögel in der Agrarsteppe!
Die Jagd auf Vögel (nicht nur Gänse) müßte schon lange der Vergangenheit angehören. Ehrliche Jäger geben zu, dass z. B. die Jagd auf Gänse nicht zur Schadensbegrenzung auf den Feldern beitragen kann sondern nur die Lust am Töten befriedigt. Aber das Gesetz ist auf ihrer Seite, und wir sind machtlos. Ich frage mich: Warum und wie lange noch? Es wäre wünschenswert, wenn FDP und CDU mehr für den Naturschutz übrig hätten! Also: Dranbleiben!!
Es grüßt Dich Jutta Hagemann
23.11.2009 18:32
Avatar
Marco Zimmermann (Marco_Tharandt)
Von: Tharandt, Deutschland
Beiträge: 27
Hallo, zusammen!
Ich wollte nur einmal daruf hinweisen, daß in Rheinland-Pfalz unter den Ornithologen auch ganz aktuell eine Diskussion zum Thema "Sinnhaftigkeit/Sinnlosigkeit der Jagd auf Vögel" geführt wird. Nachzulesen und zu verfolgen unter www.birdnet-rlp.de. Dort ist z.B. im September diesen Jahres bei Koblenz eine Mittelmeermöwe angeschossen worden - eine nach dem BNatschG besonders geschützte Vogelart!
Beste Grüße, Marco
[Zuletzt bearbeitet Marco_Tharandt, 25.11.2009 20:55]
25.11.2009 20:33
Avatar
Fiwi
Beiträge: 294
Halloo Leute

Ich wollte nur nochmal sagen das es H. M. genau auf den Punkt gebracht hat.

Gruß Fiwi
04.12.2009 20:25
icon