Positionspapier gegen Ratron-Gift

20.11.2015 00:00

Aufgrund eines regional erhöhten Aufkommens von Feldmäusen hat auf Antrag mehrerer Bundesländer (darunter Sachsen) die Bundesbehörde BVL (Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit) eine Notfallzulassung für das flächige Ausbringen von Ratron Feldmausködern auf 70.000 ha erteilt. Die Ausbringung im Streuverfahren kann zwischen 1.9.2015 und 29.12.2015 erfolgen. Die verwendeten Feldmausköder wirken durch Chlorphacinon als Gerinnungshemmer. Die Tiere sterben nach der Aufnahme des Giftes einen langsamen und qualvollen Tod durch inneres Verbluten. Das Gift ist völlig unspezifisch und wirkt bei allen Wirbeltieren. Daher ist davon auszugehen, dass sehr viele andere Wirbeltiere sterben, weil sie  ausgebrachte Köder direkt aufnehmen oder vergiftete Mäuse fressen.

Die Anwendung des Ratron wurde in einem rechtlich sehr fragwürdigen Schritt kurzerhand vorübergehend zur „guten fachlichen Praxis“ in der Landwirtschaft erklärt. Allerdings wird dabei übersehen, dass nach den heute gültigen, naturschutzrechtlichen Bestimmungen auch durch Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft keine lokalen Populationen von geschützten Arten beeinträchtigt werden dürfen. Aber genau das wird hier in Kauf genommen! Fast alle heimischen Greifvogelarten befinden sich bis Ende Oktober in ihrer Wegzugsphase, so dass in dieser Zeit z. T. erhebliche Konzentrationen dieser Arten vorkommen, vorzugsweise genau dort, wo es gute Nahrungsbedingungen, also viele Mäuse gibt. In den anstehenden Monaten bis zum Jahresende treffen oft seltene Arten in Sachsen ein, z. B. Kornweihen oder Raufußbussarde, die hier den Winter verbringen wollen. Für diese Arten stellt  der Verlust auch nur eines einzelnen Vogels eine nicht hinnehmbare Beeinträchtigung der lokalen Population dar. Das betrifft nicht nur Greifvögel, auch fast alle Eulen oder die sehr seltenen Raubwürger ernähren sich hauptsächlich von Mäusen, die sie auf Feldern und Wiesen erbeuten. Darüber hinaus gibt es auch Arten, welche die Feldmausköder direkt aufnehmen, darunter z. B. die vielen tausend nordischen Gänse, die im Herbst und Winter ganz besonders auf diese Nahrungsflächen angewiesen sind. In deren Trupps befinden sich jährlich in Sachsen in geringer Zahl auch sehr seltene Arten wie Kurzschnabel- oder Zwerggänse, für die jedes Individuum für den Fortbestand der Art wichtig ist.

Wegen dieser Sachverhalte lehnt der VSO den Einsatz dieser Giftköder ab und erwartet, dass der Freistaat Sachsen zumindest die offene Ausbringungen der Ratron-Giftköder im Streuverfahren ablehnt. Sollten dennoch Kampagnen gestartet werden, sind diese grundsätzlich mit einem Monitoring zur Ermittlung der Auswirkungen des Giftes auf die geschützte heimische Fauna zu begleiten.

Der VSO ruft alle naturinteressierten Menschen auf sich über die Lage von Ackerflächen, auf denen Ratron ausgebracht wurde, zu informieren und auf diesen Flächen gezielt die Wirbeltiere zu erfassen.  Sollten in den nächsten Wochen stark geschwächte oder tote Vögel gefunden werden, deren Verletzungs- oder Todesursache nicht offensichtlich ist  und die vielleicht vergiftet wurden, bitten wir darum, die jeweils zuständigen Naturschutzbehörden zu informieren.

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